Tagebuch Malmö / 7.Teil

Tagebuch Malmö / 7.Teil

 

Gestern ging das Jury-Semifinale 2 über die Bühne, das bedeutet 50 % der Stimmgewichtung ist bereits entschieden. Eröffnet wurde die Show mit einer Variation des Te Deums, der Kennmelodie der Eurovision. Insgesamt fällt die Eröffnung nicht allzu spektakulär aus. Ganz dem Motto des Einsparens getreu.

LETTLAND

Der lettische Beitrag von PeR erinnert in seiner Aufmachung sehr stark an die Zwillingsbrüder Jedward aus Irland. In silbernen Paillettenanzügen, “Hüpfdolen” gleich, quält man sich knappe 3 Minuten durch diesen Beitrag. Kein klarer Favorit für den Aufstieg, aber seitdem Litauen als eindeutiger, vermeintlicher Nicht-Qualifikant im Semifinale 1 aufgestiegen ist, ist nichts mehr 100%ig vorhersehbar. Großer Pluspunkt: die beiden Jungs sind ganz ansehnlich… Warum auch das schwedische Fernsehen gerade diesen Beitrag auf Startplatz 1 gesetzt hat, ist etwas fraglich, aber zumindest ist die Nummer nicht zum einschlafen.

SAN MARINO

Valentina Monetta, das Schätzchen von Ralph Siegel, die zum zweiten mal ihr Glück bei der Eurovision sucht, ist dieses Jahr eindeutig unter den Favoriten anzusiedeln. Auch wenn die Performance von einigen als nicht 100%ig auf Sieg umgesetzt gesehen wird, brilliert Valentina durch ihre tolle Stimme. Bemerkenswert finden viele, dass die Nummer nicht vollkommen als Ralph Siegel-Komposition zu erkennen ist – und wieder einmal zeigt sich, dass primär das Lied entscheidend ist und nicht der Interpret. Sie hält am Anfang ihres Auftritts eine leuchtende Kugel in der Hand und auch ein Cape à la Danijela (Kroatien 1998) ist im Einsatz. Überhaupt scheint das Kugelmotiv – siehe auch Russland – sehr beliebt.

MAZEDONIEN

Die mazedonische Delegation ist ebenfalls in unserem Hotel untergebracht. Besonders auffällig ist natürlich die mazedonische “Mami”, die vor allem durch ihre Masse für Aufsehen sorgt. Vlatko Lozano, der Duettpartner  von Esma Redzepova besticht durch eine tolle Stimme, wie man sie aus dem Balkan gewöhnt ist. Zjelko Joksimovic lässt grüßen. Das Auffälligste an der Nummer ist natürlich Esma, die in ihrer roten Abendrobe samt passendem Kopfschmuck die Halle zum Beben bringt.

ASERBAIDSCHAN

Farid Mammadov hat sich in den erweiterten Favoritenkreis gesungen. Sicherlich ist das nicht auf seinen Beitrag und schon gar nicht auf seine stimmlichen Leistungen zurückzuführen. Aserbaidschan zeigt uns, wie man aus einer mittelprächtigen Nummer einen Mitfavoriten machen kann. Farid steht auf einer Glasbox – in dieser befindet sich sein Spiegelbild in Form eines Tänzers, ja man könnte fast sagen eines Akrobaten, der exakt die gegensätzliche Seite eines Spiegelbildes erzeugt. Insgesamt mutet der Beitrag homoerotisch an, denn kaum ein Beitrag enthielt jemals eine ähnlich intensive Annäherung zwischen zwei Männern auf der Eurovisionsbühne. Der Head of Delegation meinte auf die Frage, warum man homoerotische Elemente in die Choreographie eingebaut hat, dass dieses Lied für alle sei – und zwar wird die Liebesromanze der beiden Männer durch eine Tänzerin im roten, meterlangen Schleppkleid unterbrochen und mündet in einen “Dreier”…. Es wird nicht die einzige gleichgeschlechtliche Handlung des Abends bleiben.

FINNLAND

Damit sind wir schon beim nächsten Beitrag: Finnland. Im Hochzeitskleid – wie zu erwarten – tritt die überaus charmante und hübsche Blondine Krista Siegfrids auf die Bühne. Unterstützt wird sie dabei von ihren Brautjungfern, die auch klassisch mit Blumensträußen ausgestattet, der Braut huldigen. Im laufe des Liedes wird Krista mit einem meterlangem Brautschleier gekrönt, der perfekt in die Performance eingebracht wird. Und nun zur Überraschung: dachte sich die Männerwelt, das Krista heiratswillig sei, werden diese bitter enttäuscht sein – der Schluss des Beitrages wird durch einen Kuss zwischen Krista und einer Frau besiegelt. Überhaupt kümmern sich die finnischen Teilnehmer nicht großartig um das Publikum, sondern brechen am Ende in lautes Jubelgeschrei aus, so wie man das eben von einer Junggesellinenparty erwartet. Es handelt sich hierbei nicht um einen angedeuteten Kuss, dieser Kuss macht selbst Madonna und Britney Spears Konkurrenz. Fazit: ein Song, der zu Toleranz mahnt.

MALTA

Gianluca, ein überaus charmanter, kleiner Malteser, vertritt den Inselstaat. Die Nummer an sich ist sicher hitparadentauglich, jedoch in seiner Aufmachung viel zu einfach, um gegen die anderen Liveacts anzukommen. Sommer, Sonne, Strand und Meer – genau das Feeling kommt auf, allerdings etwas seicht und unscheinbar. Gianluca wird auch im Falle seiner Nichtqualifikation ein zweites Standbein wahrnehmen können, handelt es sich bei ihm doch um einen waschechten Doktor der Medizin.

BULGARIEN

Bulgariens Fahnen werden von Elitsa Todorova & Stoyan Yankulov hochgehalten. Das enervierende Stück der ehemaligen, sehr erfolgreichen Songcontest-Teilnehmer wird es wahrscheinlich ins Finale schaffen. Zu zwingend ist deren Trommelgehabe und das hektische, schwer zu definierende Geheule Elitsas. Conclusio: nichts Neues aus Bulgarien, man setzt auf Altbewehrtes und wird es wahrscheinlich ins Finale schaffen.

ISLAND

Der blonde Hühne aus Island ist für viele ESC-Fans unter den persönlichen Favoriten. Die schöne Ballade, ganz in isländisch gesungen, ist in seiner Performance ebenfalls sehr reduziert gehalten. In schlichtem, aber passenden Blau wird Eypör Ingi in Szene gesetzt. Höchstwahrscheinlich ist ganz Skandinavien, im weiteren Sinne also mit Finnland und Estland, am Finale beteiligt.

GRIECHENLAND

“Alcohol is free”, das ist die Devise der griechischen Gruppe Koza Mostra mit Agathonas Iakovidis… Und damit sprechen sie uns aus der Seele. Nicht außer Acht lassen, sollte man die Tatsache, dass es sich bei den Musikern, auch wenn sie nicht live auf der Eurovisionsbühne musizieren dürfen, um professionelle Künstler handelt, die es verstehen, mit ihren Instrumenten die Hallen zu füllen. Die Nummer strahlt nur so von Dynamik und Optimismus, im Falle Griechenlands wohl Zweckoptimismus. Anfangs als Mitfavorit auf den Sieg gesetzt, wird die Gruppe wohl unter den Top 10 im Endklassement des Song Contests landen.

ISRAEL

Moran Mazor, die israelische Hoffnung im heurigen Jahr, brilliert weder durch besondere stimmliche Vorzüge, noch  durch optische Reize, im Gegenteil, sie wird sogar recht unvorteilhaft präsentiert. Reingenäht in ihre schwarze Abendrobe wirkt die ganze Performance sehr gezwungen und ein Weiterkommen ist in Frage zu stellen. Moran ist sicherlich die Persönlichkeit des Jahres, die durch ihre optische Auffälligkeit (unverzichtbare Brille) für mehr Spot und Hohn als Anerkennung sorgt. Die Bezeichnungen reichen von israelische Nana Mouskouri bis hebräisches Brauereipferd, wobei anzumerken ist, dass sie eine der umgänglichsten Persönlichkeiten dieses Jahres ist.

ARMENIEN

Dorians, der Vertreter Armeniens zählt nicht zu den beliebtesten Vertretern innerhalb seines Landes. Schon als er bestimmt wurde, die armenische Flagge zu vertreten, kam es zu leichten Unruhen. Als dann noch die überaus langweilige Softpopnummer “Lonely Planet” gewählt wurde, hatte er endgültig alle Sympathien im eigenen Land verloren. Und auch in Malmö lauft diese Lied unter “ferner liefen”…. Showfaktor gleich Null…

UNGARN

…wobei wir schon beim nächsten Beitrag wären. Ungarn unterbietet den Showgehalt des armenischen Beitrages um Längen. In grauer Mütze steht Bye Alex auf der Bühne und gibt sein “Gäldwäsche” (oder ist es “Bättwäsche”) zum Besten. Eines ist aber zu sagen – und das unterscheidet ihn von den Armeniern – die Nummer ist bei vielen sehr sehr beliebt. Niemand weiß warum, aber die Nummer hat etwas…. somit ist ein Weiterkommen nicht komplett ausgeschlossen.

NORWEGEN

Skandinavien ist heuer insgesamt wieder sehr stark. Alle Beiträge könnten es ins Finale schaffen und Norwegen wird aktuell auf Platz 3 der Sieganwärter für Samstag gelistet. Die Performance erinnert sehr stark an Margaret Bergers Performance im Melodi Grand Prix, keine Variation zur Vorentscheidung. Es gibt kaum Überraschungen, aber die Nummer ist sicherlich DIE zeitgemäßeste im Jahr 2013 und hat sicherlich Hitparadentauglichkeit. Insofern wird es sicherlich keine schlechte Platzierung für Norwegen geben, und man hat wieder ein professionelles Händchen bei der Auswahl des norwegischen Beitrages bewiesen.

ALBANIEN

Adrian Lulgjuraj und Bledar Sejko, die Namen sind schon unaussprechlich, genauso ist auch deren Performance kaum in Worte zu fassen. Allerdings beruht das nicht auf eine unfassbare Umsetzung des Beitrages, sondern die Beschreibung in Worten fällt deswegen schwer, weil die Nummer einfach nur so “dahinplätschert”. Sie tut nicht weh, aber ein Weiterkommen ist sehr in Frage zu stellen.

GEORGIEN

Das charmanteste Duett liefert in diesem Jahr Nodi Tatishvili & Sophie Gelovani aus Georgien. Die für viele hochgehandelte Ballade wird stimmig, aber nicht unbedingt zwingend für den Sieg umgesetzt. Mit Nebel und Rauchsäulen wird Georgien als sicherer Kanditat für den Finaleinzug gehandelt. Die Tatsache, dass zwei attraktive Menschen den Beitrag bestreiten, ist diesem Unterfangen sicherlich dienlich.

SCHWEIZ

Oh, die arme Schweiz…. Es findet sich endlich einmal ein internationaler Ohrwurm im Semifinale ein und dann wird der Beitrag – siehe auch bei Österreich – so unspektakulär in Szene gesetzt. Weiß man noch immer nicht, dass es nicht reicht, sechs Leute unmotiviert auf die Bühne zu stellen? Da hilft es auch nicht, wenn man einen über 90ig jährigen Kontrabassisten auf die Bühne stellt, der unmotiviert und a-rythmisch sein Instrument spielt und dazu die Lippen bewegt. Die Tatsache, dass der älteste Teilnehmer aller Zeiten heute auf der Bühne stehen wird, ist somit nachrangig. Takasa, eigentlich eine Abordnung der Heilsarmee, kann trotz Sympathie und Attraktivität einiger Mitglieder der Band kaum überzeugen und findet sich somit in der Gruppe der Wackelkandidaten wieder.

RUMÄNIEN

Rumänien, das Land weiß einfach, wie man aus Nichts etwas machen kann. “It´s my life” von Cezar wurde im Vorfeld mehr belächelt, als ernst genommen und tatsächlich ist der klassisch ausgebildete Countertenor aus Rumänien sicherlich etwas Fehl am Platz. Jedoch: kaum ein Beitrag wird derart toll in Szene gesetzt. Insgesamt macht der Vortrag seinem Land alle Ehre, erinnert er doch sehr an den berühmt berüchtigten Dracula aus Transylvanien. Seht selbst, ihr werdet wissen, was gemeint ist. Mit Hebebühne, schwarzen Paillettenanzug, blutrot-eingefärbten Tänzern und roten Seidentüchern wird Rumänien sicherlich nicht – wie im Vorfeld prognostiziert – am Ende des Klassements liegen.   Hier unsere Einschätzung: San Marino, Aserbaidschan, Finnland, Bulgarien, Island, Georgien, Norwegen, Griechenland, Rumänien und Mazedonien.

Wir wünschen euch viel Spaß mit einer tollen Show aus der Malmö-Arena, Markus und René

Mai 16, 2013 Posted by: